Konzept Liewenshaff
Allgemeine Angaben zur Einrichtung :
Name : |
Päerd’s Atelier A.S.B.L. |
Ort: |
Merscheid/ Grossherzogtum Luxemburg |
Träger: |
Päerd’s Atelier A.S.B.L. |
Rechtsform: |
Gemeinnütziger Verein ohne Erwerbszweck, GoE |
Gründungsjahr: |
1990 |
Zielgruppen, Zielsetzungen: |
Verhaltensauffällige Jugendliche im Alter zwischen 15 und 22 Jahren. |
KlientInnenzahl: |
20 Auszubildende und 5 Nachbetreuungen (weiblich & männlich) |
MitarbeiterInnenzahl: |
3 Erzieher (Vollzeit beschäftigt), 6 Ausbilder (4 Vollzeit, 2 Teilzeit) 1 Psychologin (Teilzeit ), 1 Sozialarbeiterin (Vollzeit), 1 Lehrerin (Vollzeit), 1 Raumpflegerin (Teilzeit) |
Massnahmen, Angebote, Methoden, Programm: |
Förderung persönlicher Entwicklungsprozesse, Heranführung an die Arbeit und das Arbeitsleben, Berufsausbildung in den 5 differenzierten Lernfeldern/Werkstätten der Einrichtung: Landschaftspflege und Gartenbau, Pferdebereich und Bauernwesen, Restauration und Jugendherberge, Eisenwerkstatt und Fahrradtechnik, Raumpflege |
Leitideen: |
Sozio-Edukatives Leitziel: Stärkung der Persönlichkeit in der Gesellschaftsfindung.
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Literatur aus und über die Einrichtung: |
verschiedene Broschüren & Bücher (Liewenshaff 5ans, 10ans, 15ans, Thesepapiere der Tagungen 2003, 2004 & 2005), Presseartikel |
Einleitung – Leitbild
Die Öffentlichkeit verbindet mit sozialen Einrichtungen vielfach allgemeine, eher etwas düstere Vorstellungen, weil sie weiss, dass dort zumeist „gestrauchelte“, junge Menschen untergebracht sind. Diese Minimal-Information reicht vielen in der Regel bereits für eine definitive Einschätzung, die vielfach einer Aburteilung der Einrichtung gleichkommt. Es wird der Einrichtung breitwillig überlassen, die „Gestrauchelten“ so zu erziehen, dass sie das übliche Leben der Gesellschaft künftighin nicht stören werden und jene in ihr auch ohne eigenen Schaden zurechtkommen können.
Die Klientel wird als verwahrlost, erziehungsschwierig, berufsunreif, lernbehindert, entwicklungsgehemmt und dergleichen bezeichnet, ohne dass mit nötiger Trennschärfe die Begriffsvielfalt geordnet wird. In der Regel lassen sich aber zwei Schwerpunkte erkennen, die nicht unabhängig voneinander sind, sondern meist miteinander verknüpft auftreten : Auffälligkeiten im sozialen Verhaltensbereich sowie im Lern- und Leistungsbereich.
„Verhaltensauffälligkeit“ definiert sich als ein von der Erwartungsnorm abweichendes Fehlverhalten. Dieses Fehlverhalten resultiert aus einer verfestigten Störung der Entwicklungs- und Leistungsfähigkeit im kognitiven und /oder emotionalen und /oder sozialen Bereich. Dadurch wird die weitere Entwicklungs-, Lern- und Arbeitsfähigkeit sowie das Interaktionsgeschehen in der Umwelt beeinträchtigt.
Der Liewenshaff integriert drei Bereiche Sozialpädagogik, (Berufs-)Bildung und Psychotherapie ( Einzel- und Gruppenarbeit) zu einer Gemeinschaft und schafft damit für die Jugendlichen und Jungerwachsenen ein vielfältiges, ganzheitliches und prozessorientiertes Entwicklungsangebot. Der Liewenshaff möchte ihre Selbsthilfekräfte mobilisieren. Dem Leitsatz „Hilfe zur Selbsthilfe“ kommt bei der Gestaltung des Lebensalltags auf dem Liewenshaff eine wichtige Bedeutung zu. Den Jugendlichen, aber auch den Mitarbeitern, wird damit sehr viel Verantwortung für sich selbst und für die ganze Gemeinschaft zugemutet. Die selbstregulierenden Kräfte der therapeutischen Gemeinschaft schaffen für alle Beteiligten Stabilität und Sicherheit.
Es wird als kreative Herausforderung verstanden, zusammen mit den Jugendlichen einen anderen Lebenssinn und positiv orientierte Verhaltensalternativen zu erarbeiten. Wir setzen Grenzen und Normen, geben gleichzeitig neue Orientierungsmöglichkeiten und fordern den Jugendlichen dazu auf, mit neuem Verhalten zu experimentieren. Unsere Angebote schaffen die Möglichkeit individueller Entwicklung, wobei der Jugendliche während seines Aufenthaltes auf dem Liewenshaff eine längerfristig tragende berufliche Orientierung finden soll.
Statt durch Separierung, Unterbringung und Förderung von Problemgruppen Gebrauch zu machen, sollen solche Jugendlichen ihr „ Anderssein „ überwinden und durch das Öffnen der Einrichtung an relativ normale Verhältnisse Anschluss finden sowie Außenkontakte vorbereiten und herbeiführen um ein „Inseldarsein„ zu durchbrechen und somit eine Normalisierung der ablaufenden Ausbildungsprozesse zu erreichen.
Durch das Erlernen eines Arbeitsverhaltens, -fertigkeiten und –techniken wird dem Jugendlichen der Übergang von der Einrichtung in eine berufliche Tätigkeit ermöglicht. Die eigene berufliche Tätigkeit bildet für die meisten Menschen die Grundlage der wirtschaftlichen und sozialen Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Das Ausüben eines Berufes ist zentrale Voraussetzung für das eigenständige Heraustreten aus der Herkunftsfamilie und verschafft dem Jugendlichen einen unabhängigen Status in der Gesellschaft.
Damit liegt die berufliche Tätigkeit im Schnittpunkt zwischen personalem und sozialem System.
Insgesamt betrachtet versucht der „Liewenshaff“ also mit einem integrativen Programm den Jugendlichen in seiner Ganzheit anzunehmen – das heißt mit seiner Persönlichkeit und seinem Umfeld - und ihm in freiwilliger Zusammenarbeit die Bedingungen zu schaffen, in denen Entwicklungsprozesse und Verhaltensänderungen gefördert werden, mit welchen der Jugendliche selbst leben kann und von der Gesellschaft, in der er lebt, akzeptiert wird, weil es ihm gelingt, eine selbstverantwortliche, wirtschaftliche und soziale Selbständigkeit zu erlangen.
Die Sozialpädagogik
Leitbild
Wir haben Achtung vor der persönlichen Würde jedes Menschen mit all seinem kulturellen, familiären und persönlichen Hintergrund. Die männlichen und weiblichen Jugendlichen und Jungerwachsenen begleiten wir durch ihre Krisen unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Sozialisation.
Die Entwicklungs- und Reifungsdefizite der jungen Menschen zu beheben ist unsere zentrale Aufgabe. Wir glauben, dass Entwicklung und Wachstum durch authentische Begegnungen und soziales Lernen gefördert wird. Der Hilfe zur Selbsthilfe, im Sinne einer Selbstorganisation unter den Jugendlichen, messen wir einen großen Wert bei. Wir stellen ihnen somit das Rüstzeug zur Verfügung, das sie zur (Re-)Sozialisierung und (Re-) Integration benötigen.
Unser wesentliches sozialpädagogisches Instrument ist die Beziehung zu den Jugendlichen. Diese gestalten wir durch die Vermittlung von verschiedenen Kulturtechniken, durch das Ziehen und Halten von Grenzen in den täglichen Begegnungen, im Vermitteln von konstruktiven Konfliktlösungsmethoden und im Erteilen und Kontrollieren von vielfältigen Aufgaben, welche entwicklungsfördernd sind.
Allgemeine Methoden
Die Sozialpädagogik stellt die Grundversorgung für das Leben auf dem Liewenshaff sicher. Sie gestaltet das sozialtherapeutische Milieu im Ausbildungs-, Wohn- und Freizeitbereich. Dazu gehört die Organisation der notwendigen internen und externen Kontakte, im speziellen zu anderen sozialen Instanzen, Behörden und Familien.
Die Sozialpädagogik bietet tragfähige und klare Beziehungen an, die Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Diese bilden die Basis für Begegnungen unter anderem in den Auseinandersetzungen bei Konflikten.
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen handeln in einer Vorbildfunktion. An ihnen werden Werte, Normen, Regeln aber auch Schwächen und Stärken gemessen. Deshalb gilt für die Sozialpädagogik, dass das modellhafte Vorleben ein wesentlicher Bestandteil der sozialpädagogischen Tätigkeiten überhaupt ist.
Die Sozialpädagogik orientiert sich an den Grundsätzen der Hilfe zur Selbsthilfe und sorgt für eine lebendige Vielfalt von sozialen Lernfeldern unter den Jugendlichen. Dabei soll die persönliche Autonomie, die soziale Kompetenz und das Wahrnehmen eigener Gefühle gefördert, aber auch Fehlverhalten sanktioniert und korrigiert werden. Unsere Interventionen und Handlungen sind ressourcenorientiert.
Die Sozialpädagogik gestaltet einen Rahmen, in dem die Jugendlichen in einer Gruppe neue Lebenserfahrungen sammeln können, aber auch ein Lernfeld, in dem Begegnungen in all ihren Facetten wie Freud, Spaß, Lust aber auch Leid und Trauer erlebt und ausgedrückt werden dürfen. Die Sozialpädagogik achtet auf verbale und nonverbale Kommunikation und greift Konflikte und Probleme unter den Jugendlichen auf.
Die Regeln und Strukturen der Institution bieten den Rahmen für die tägliche Arbeit mit den Adoleszenten. Diese Regeln und Strukturen wollen wir Aufrecht erhalten und nötigenfalls mit allen Konsequenzen verteidigen.
Wir befürworten eine absolut gewaltfreie (physische, psychische, strukturelle) Lösung von Konflikten und achten auf Mechanismen wie Unterdrückung und Missbrauch von Macht.
Die sozialpädagogischen Instrumente sind: Rückblicke, Großgruppen, Einzelgespräche, Meetings, Teamarbeit, Freizeit- und Kulturprojekte. Ein realistischer Umgang mit Geld schafft Bezug zur aktuellen finanziellen Lage und zur notwendigen Einschätzung der jeweiligen Möglichkeiten des Jugendlichen. Die Übertragung von Verantwortung, gemessen an dem Entwicklungsstand des Jugendlichen, fördert seine persönliche und soziale Verantwortung. Die Tagesstruktur, wie pünktliches Aufstehen am Morgen, Arbeitszeiten, Essenszeiten, usw., hilft den Jugendlichen, sich an einen geregelten Rhythmus zu gewöhnen, um den normativen Ansprüchen der Arbeitswelt und des Alltagslebens gerecht zu werden.
In der alltäglichen Arbeit auf dem Liewenshaff ist es von zentraler Bedeutung, für die Jugendlichen ein verlässliches soziales Umfeld und einen vertrauten ökologischen Raum bereitzustellen, der für sie ein protektives Milieu bietet, in welchem sie sich akzeptiert fühlen und in dem es klare und kohärente Regeln gibt. Dem Jugendlichen soll bewusst gemacht werden, dass er „sich selbst zum Projekt macht“ und selbst entscheidet, dieses sein „Projekt“ durchzuführen, indem er die Verantwortung für sein eigenes Handeln übernimmt. Der Jugendliche soll die Erfahrung machen, dass es Erwachsene um ihn gibt, welche sich für ihn interessieren, die ihn unterstützen, ihm Halt geben, und welche die Regeln, die sie fordern einhalten und überprüfen. Das gibt dem Jugendlichen Sicherheit und das Gefühl, dass man für ihn da ist und ihn ernst nimmt.
Viele dieser Jugendliche haben eine geringe Frustrations- und Kritiktoleranz. Sie fühlen sich durch Kritik entwertet und geraten deshalb sehr schnell in Konfliktsituationen. Oft fehlt es ihnen an der Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen und zu erkennen, oder einen Konflikt verbal ausdrücken zu können. Deshalb liegt ein Schwerpunkt der sozialpädagogischen Arbeit darin, alle möglichen Situationen („positive und negative“) mit den Jugendlichen auf der Grundlage einfühlenden Verstehens (Empathiegedanke) anzusprechen, d.h. sie sprachlich mit dem Geschehen zu konfrontieren, ihnen Verhaltensweisen zu spiegeln, dabei aber auch ihre Positionen ernst zu nehmen und ihnen damit eine Wichtigkeit ihrer Meinung und Person zu vermitteln. Dabei wird dieses als Gelegenheit der Auseinander-setzung gesehen, nach der man sich auch wieder zusammen-setzen kann. Es wird erfahrbar, das ein lebbares Miteinander ein „Aushandeln von Grenzen“ ist und die Grenzen Anderer zu achten sind, wenn man den Respekt eigener Grenzen erwartet. Zuhören, Nachforschen, Spiegeln, Aushandeln, die Jugendlichen dazu anzuregen, sich wahrzunehmen und auszudrücken, sich auf Andere einzustellen und ihre Positionen zu respektieren, das sind komplexe Lernprozesse, welche ihnen mit der Zeit erlauben, eine bessere Kritikfähigkeit aufzubauen, neue Mittel zur Konfliktlösung und zur angemessen Gestaltung sozialen Miteinanders zu finden. Sie können lernen, nicht mehr nur aus dem spontanen, „groben Affekt“ zu agieren, sondern sich mit ihren Gefühlen, Wünschen und Absichten in Worten auszudrücken. Dadurch, dass man ihnen immer wieder ihre verschiedenen Reaktionen verdeutlicht, bewusst macht, spiegelt, trägt man dazu bei, dass sie sich neue Reaktionsmuster aneignen und neue kognitive, emotionale und volitive Schemata ausbilden und mentalrepräsentieren,so dass sie verinnerlicht werden können.
Die Arbeit und Ausbildung
Zentral für die sozialpädagogische Arbeit auf dem „Liewenshaff“ steht die Förderung persönlicher Entwicklungsprozesse und Heranführung an die Arbeit und das Arbeitsleben sowie an eine Berufsausbildung in den fünf differenzierten Lernfeldern/Werkstätten der Einrichtung: Landschaftspflege und Gartenbau; Pferdebereich und Bauernwesen; Restauration und Jugendherberge; Eisenwerkstatt und Fahrradtechnik; Raumpflege. Diese Heranführung ist als Teil der Jugendförderung in der Einrichtung fest verankert. Arbeit ist ja in den modernen arbeitsteiligen Gesellschaften weit mehr als ein Broterwerb, sie ist auch – für Mädchen und Jungen gleichermaßen, wenngleich in genderspezifischer Ausprägung eine „Säule persönlicher Identität“ und ein notwendiges Element eines tragfähigen Selbsterlebens und Selbstwertgefühls. Arbeit dient natürlich auch dazu, dass der Jugendliche sein Leben zu strukturieren und zu planen lernt, die Kooperation mit anderen handhaben kann und auf diese Weise seine Zukunft auch selbstverantwortlich wirtschaftlich sichern kann.
Geht man davon aus, dass die in Familie, im sozialen Umfeld und Schule erfahrene Sozialisation unserer Jugendlichen – ganz global betrachtet – als defizitär oder negativ angesehen werden muss (Erfahrungen von Entwertung, Vernachlässigung, Enttäuschung, Ablehnung und auch oft von körperlicher oder sexueller Gewalt geprägt, sei es in der Familie, in der Schule oder dem sonstigen sozialen Umfeld und mikroökologischen Milieu, in welchem sie als Kinder herangewachsen sind), so wird deutlich, dass für diesen Personenkreis eine Arbeitsheranführung als Kernstück beruflicher Sozialisation sehr viel mehr bedeuten muss, als bloße Aneignung der für die Berufsausübung notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten. Es handelt sich vielmehr zugleich um das Erlernen „abstrakter Arbeitfähigkeiten“ (Kompetenzen) wie z. B. Aufmerksamkeit, Verantwortung, technisches Verständnis und Reaktionsgeschick, Zuverlässigkeit, Organisationsgeschick, Fähigkeit der Menschenbehandlung, Überblick und Selbstkontrolle als auch „konkreter Arbeitsfertigkeiten“ wie der Vollzug handwerklich-technischer Aufgaben, Exaktheit der Arbeit, Beherrschung des Tempos usw.
Die erworbenen Fähigkeiten/Wissen und Fertigkeiten/Können dienen nicht nur als Schlüssel einer eigenständigen, selbstverantwortlichen späteren Lebensgestaltung, sondern setzen erhebliche motivierende Kräfte frei, üben die Willenfähigkeiten , indem sie den Jugendlichen durch entsprechende Aufgaben Erfolgserlebnisse vermitteln, ihn ermutigen und somit „Auftrieb“ geben, um zu seiner inneren Stabilisierung, einem guten Selbstwertgefühl und Identitätserleben beitragen.
Die Schwerpunkte der Arbeitsheranführung liegen also hier im Bereich der Vermittlung von Wissen und Handfertigkeiten, im Erfahren und Akzeptieren von Normen in Bezug auf Pünktlichkeit, Effizienz, Ordung und Logik von Arbeitsabläufen. Das Ziel besteht darin, den Jugendlichen die bestmögliche Ausbildung mitzugeben. Dadurch geben wir ihnen eine soziale und ökonomische Basis für ihre Zukunft und verhelfen zu einem wichtigen Erfolgserlebnis.
Der Prozess der Ausbildung soll ihnen ermöglichen, ihr Können zu messen und so Voraussetzungen für eine realistische Selbsteinschätzung zu bewirken. Der Ausbildungsalltag ermöglicht die kleinen Erfolgserlebnisse, die der Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen förderlich sind.
Obwohl der Ausbildungs- und Arbeitsbereich in der Therapeutischen Gemeinschaft eingegliedert ist, soll er die Arbeitswelt spiegeln und sich klar von der Freizeit (d.h. Nichtarbeitszeit) unterscheiden. Der Aufrtag der AusbilderInnen ist es in ihren Bereichen eine möglichst optimale Lernsituation herzustellen. Bestimmende Faktoren sind :
- Ein durch Wohlwollen geprägtes Arbeitsklima
- Ein Führungsstil, der es erlaubt, dass sich der Einzelne entfalten und Mitverantwortung übernehmen kann
- Ein durch Verständnis und Geduld geprägtes Arbeitsklima
- Eine Auftragslage, die es ermöglicht, ein breites Spektrum an verschiedenen Arbeitsabläufen anbieten zu können, so dass keine Monotonie ensteht. Zugleich soll eine gewisse Arbeitsrealität in Form von einzuhaltenden Terminen, Vorstellungen vom Preis, resp. Wert der eigenen Arbeit vermittelt werden. Wenn Produkte einen Gebrauchswert darstellen, vermittelt das grössere Erfolgserlebnisse als blosse Übungsstücke.
Die Lehrbetriebe sollen nach wirtschaftlichen Prinzipien geführt werden, es ist aber nicht ihr primeres Ziel, einen möglichst grossen Ertrag zu erwirtschaften.
Wie alle Mitglieder der Therapeutischen / Erzieherischen Gemeinschaft haben die Ausbilder die Aufgabe, sich laufend an den Zielsetzungen der übrigen Bereiche der Gemeinschaft zu orientieren und in ihr mitzuwirken, indem sie an den entsprechenden Foren teilnehmen und Kontakte zu den übrigen Bereichen unterhalten. Ebenso obliegt es ihrer Verantwortung, sich fortzubilden, um sich so auf den Wissensstand zu halten, der für die Ausbildung ihrer Tätigkeit nötig ist.
Die Schüler der Einrichtung erhalten für ihre Arbeit monatlich ein Entgelt, welches den Ausbildungsjahren nach gestaffelt ist (vgl. klassische Lehre). Diesen „Lohn“ können die Jugendlichen sich durch einen wöchentlichen Motivationsbonus erhöhen. Ziel ist es, einerseits dadurch die Aufmerksamkeit des Jugendlichen auf die eigenen Tätigkeiten zu lenken und ihn zu motivieren. Anderseits legt die Einrichtung Wert darauf, dass die Schüler den Umgang mit Geld erlernen können. Hierbei übernimmt das Erziehungsteam eine stützende Rolle. Auch der Bereich des Materiellen ist eine wichtige „Säule der Identität“, der Beachtung geschenkt werden muss, und für die Anleitung erforderlich ist.
Ausbildunsbereiche
In der ersten Zeit auf dem Liewenshaff haben die Jugendlichen eine « Schnuppertournee » zu absolvieren. Während dieser Zeit sollen sie je eine Woche in den verschiedenen Ausbildungsbereichen arbeiten und sich so Eindrücke über das Wesen unterschiedlicher Berufe verschaffen, bevor sie sich für einen Bildungsweg entscheiden in dem sie ihre dreijährige Ausbildung absolvieren.
Es ist Aufgabe des Ausbildungsbereichs das gesamte Ausbildungsangebot regelmässig zu überprüfen, ob es zeitgemäss und effizient ist und allenfalls entsprechende Veränderungen einzuleiten. Im Bewusstsein, dass hier nicht alle Berufswünsche abgedeckt werden können , bemüht sich der Ausbildungsbereich in Zusammenarbeit mit dem sozialpädagogischen und therapeutischen Bereich, gegebenenfalls Sonderlösungen zu finden, soweit sie dem Auftrag der Institution vereinbar sind.
Der Liewenshaff bietet den Jugendlichen die folgenden fünf verschiedenen Arbeits- und Ausbildungsbereiche an :
- Landschaftspflege und Gartenbau
- Pferdebereich und Bauernwesen
- Restauration und Jugendherberge
- Eisenwerkstatt und Fahrradtechnik
- Raumpflege
Landschaftspflege und Gartenbau :
Wie in allen angebotenen Bereichen sollen die anliegenden Arbeiten dem Jugendlichen eine grösstmögliche Orientierung bieten. Dies beinhaltet für diesen Bereich, dass die Lernmöglichkeiten von Waldarbeiten mit groben Gerät, über die Planung und Unterhalt von Grünanlagen und Garten, bis hin zu Feinstarbeiten im Gewächshaus sowie die Zierpflanzen in der Wohnanlage so gross wie möglich gefächert sind. Die Zusammenarbeit mit Küche und Bauernwesen soll den Jugendlichen den Sinn und Zweck seiner Arbeit bestätigen und durch die Öffnung nach aussen (Arbeitsaufträge ; Eigenkonsum ; Kostensenkung ; ...) den Wert seiner Arbeit zeigen und somit sein Selbstwertgefühl steigern.
Pferdebereich und Bauernwesen :
Der Umgang, die Pflege und Verantwortlichkeit über die Tiere und insbesondere über die Pferde dient als therapeutisches Mittel. Arbeiten erstrecken sich über Instandsetzungsarbeiten Pflege des Materials und der Maschinen, Bestellungen und Unterhalt der Felder und Wiesen, Tiernutzung und Tourismusangebote. Die Öffnung nach aussen besteht im Anbieten von Kutschenfahrten, Reit- und Voltigiermöglichkeiten und Ferienfreizeiten sowie durch das Absetzen der hofeigenen Produkte.
Restauration und Jugendherberge:
Hier besteht die Möglichkeit des Erlernens von Fertigkeiten die einerseits für persönliche Bedürnisse (Hygiene, kochen , spülen , putzen) von Nöten sind andererseits verschiedene Berufsfelder (Küchenarbeit ,Servicebereich, Hotellerie) eröffnen und abdecken. Die Küche übernimmt die Verpflegung der Mitarbeiter, Auszubildenden und Bewohnern, die Verpflegung bei institutionellen Anlässen, als auch für etwaige extern gebuchte Anlässe. Dieses Lernfeld wird bestärkt durch die enge Zusammenarbeit mit dem Gartenbereich und dem Bauernwesen sowie durch organisierte Kinderfreizeiten und Festivitäten mit der Übernachtungsmöglichkeit in der hauseigenen Jugendherberge.
Eisenwerkstatt und Fahradtechnik:
Die Eisenwerkstatt bietet den Jugendlichen die Möglichkeit der Auslotung von technischem Verständnis, handwerklichem Geschick, logischem Denken sowie praktischer Ausführung. Gefertigte Werkstücke reichen vom Kerzenständer über Geländer bishin zu Bestallungsanlagen sowohl für den Eigenbedarf jedoch auch für den privaten Markt ausserhalb. Somit besteht auch für diesen Bereich die Öffnung nach aussen, die dem Jugendlichen die Motivation für eine gute und saubere Arbeit bietet und demzufolge eine Steigerung des Selbstwertgefühls mit sich bringt.
Raumpflege:
In dem Bereich der Raumpflege wird dem Jugendlichen die Möglichkeit geboten nach absolvierter Ausbildung in der immer grösser werdenden Dienstleistungsbereich Einzug zu finden. Die Ausbildung erstreckt sich über den Umgang mit Chemikalien, Nutzung von Arbeitsmaterial und Arbeitsmaschinen in Theorie und Praxis. In Zusammenarbeit mit dem Bereich der Küche und Jugendherberge kommt diesem Ausbildungsbereich ein realistisches, praxisbezogenes Arbeitsfeld zugute, die der zukünftigen Bandbreite des Arbeitsspektrums entspricht.
Schule
Die schulische Begleitung, die die Jugendlichen innerhalb des Einrichtung erfahren, ist in einer Eins-zu-Eins-Betreuung bzw ; in Kleingruppen gleicher Leistungsstärke in ihrem individuellen Projekt fest verankert. Die Lehrerin vermittelt dem Einzelnen ein Theorie-Praxis-Gebinde, ohne dass er sich gegenüber anderen behaupten oder vor ihnen schämen muss. Diese Maßnahme wird individuell auf jeden Jugendlichen, seine Sozialisation, seine schulischen Fähigkeiten und auf die ausbildungstechnischen Erwartungen abgestimmt. Vorrausetzung hierfür ist ein guter und klarer Austausch aller nötigen Informationen zwischen den verschiedenen Bereichen und Mitarbeiter, die mit dem Jugendlichen innerhalb und außerhalb des Liewenshaff arbeiten.
Die Lehrkraft hat also die Aufgabe, die schulischen und intellektuellen Fähigkeiten der einzelnen Jugendlichen zu eruieren. Sie sorgt somit für Massnahmen, die ein optimales, individuell ausgerichtetes Ausbildungsprogramm zu ermöglichen. Die Schule umfasst zwei Bereiche : Der Allgemeinbildende Unterricht und den Berufskundlichen Unterricht. Hierbei werden Leistungsniveau, Lehrjahr und Fachrichtung berücksichtigt, als auch persönliche Probleme und Entwicklungsdefizite.
Gruppen- und Einzelarbeit (Psychotherapie)
Gleichrangig neben der Arbeitsheranführung ist in der Einrichtung die sozialpädagogische Gruppe als Ort der Lebenserziehung und Persönlichkeitsentwicklung, in der alle wichtigen Entscheidungen vorbereitet und getroffen werden. Sie ist vor allem immer ein Auffang-Ort für die unvermeidlich auftretenden Konflikte, die aus dem Zusammenleben von Jugendlichen mit einem breiten Spektrum an Verhaltensauffälligkeiten resultieren. Weiter wird angestrebt, in der Gruppe die emotionale Verletzungen aufzuarbeiten, Defizite auszugleichen, protektive Erfahrungen zu vermitteln, um eine Stabilisierung herbeizuführen. Der Einzelne soll ganz allgemein für den Aufenthalt sowie im Besonderen für die Inanspruchnahme von Lernangeboten und für das Durchhalten beim Absolvieren der fünf angebotenen Lernfelder motiviert werden. Es wird versucht, abweichendes Sozialverhalten im Gruppenzusammenhang positiv zu kontrollieren, zu reflektieren und zu verändern.
Viele der Jugendlichen, welche auf dem Liewenshaff ihre freiwillige Ausbildung beginnen, haben jahrelange Erfahrungen von schulischem Scheitern und von Enttäuschungen hinter sich. Diese haben meistens mehrere Ursachen. Das Verhalten des Jugendlichen hat oft seine Anpassung an die Forderungen der Schule nicht möglich gemacht (z.B. Unpünktlichkeit, Schulschwänzen, Ungehorsam und Aggressivität dem Schulpersonal und dem Umfeld gegenüber, Respekt- und Distanzlosigkeit, Nicht-Einhalten gesellschaftlicher Normen, Vandalismus, Drogenmissbrauch, Diebstähle, etwaige Straftaten usw.). Hinter vielfältigen schulischen Fehlleistungen stehen oft Störungen, welche z. T. schon im Kindergarten erstmals aufgetreten sind, etwa durch eine Lernbehinderung bzw. durch spezifische Defizite in der kognitiven Entwicklung (z.B. Zeitverständnis, Raumorientierung, Körperwahrnehmung, abstrakte Denkfähigkeit usw.).
Die Psychotherapie dient also den einzelnen Jugendlichen zur Verarbeitung ihrer Lebensgeschichte und zur Herausarbeitung ihrer innerpsychischen Konflikte und deren Auswirkungen auf ihr Fühlen und Handeln. Die Psychotherapie ist somit ein Feld der gezielten Arbeit an den Kontaktstörungen der Jugendlichen und hilft ihnen realistische Entwickulngsziele zu finden.
Der Psychotherapie kommt am Anfang insbesondere eine diagnostische Funktion zu. Sie kann dem Jugendlichen seine auffallenden Wahrnemungsgewohnheiten widerspiegeln, ihm aufgrund von Familiengesprächen seine gewohnten Rollen aufzeigen und die anderen Handelnden auf dem Liewenshaff darüber informieren.
Gruppenarbeit
Der zentrale Gedanke der Gruppenpsychotherapie ist, dass jeder sich und seine drängenden Konflikte auch im Spiegel des Erlebens der anderen in der Gruppe wahrnehmen kann. Hier werden die Prozesse der Gruppendynamik sichtbar und die Gruppe für jeden einzelnen als Lernfeld nutzbar. Dabei spielen Konflikte eine wesentliche Rolle, sowie das Herausarbeiten gemeinsamer Erfahrungen und das Erleben von Gemeinsamkeit und individueller Unterschiedlichkeit.
Vielfach ist es so, dass jeder seine Geschichte als einzigartig hält, und dass die gemeinsame Erfahrung mit anderen, mit ähnlichen Lebensgeschichten dazu führt, sich nicht mehr so allein zu fühlen, wie in den eigenen Grössen- und Katastrophenphantasien.
In der Praxis finden Gruppengespräche mit der gesamten Jugendgruppe statt. Diese werden unter systemischen und mediatiorischen Gesichtspunkten geleitet. Dieser Austausch ermöglicht es den Jugendlichen entweder über konkrete Konfliktsituation mit anderen anwesenden Jugendlichen zu sprechen, was oft zu positiven Veränderungen führen kann, oder sich spezifische Thematiken zu erarbeiten. Daneben gibt es auch Kleingruppen- und Peergruppenarbeit, in welcher 3-5 Jugendliche sich unter der Leitung der Psychologin treffen, um ihre Vergangenheit anhand von verschiedenen gestalterischen Hilfsmitteln, kreativen Medien und Methoden wie Malen, Skulpturen aufstellen und über das metaphorische Erzählen eigener Erlebnisse, zu bearbeiten. Diese kleineren Gruppen erlauben es den Jugendlichen sich in der Gemeinschaft aufgenommen zu spüren, Solidarität zu entwickeln und sich mit ihren Problemen nicht so alleine zu fühlen. Zu erkennen, dass andere ähnliche Probleme kennen oder gar schlimmere wie die eigenen, ermöglicht es ihnen ihr Leben nicht mehr als beschämend wahrzunehmen und eventuell Lösungen auszuprobieren, welche andere erfahren haben. Dadurch werden Schuldgefühle teilweise abgebaut und das Selbstvertrauen oder der Glaube an die eigenen Fähigkeiten werden aufgebaut. Auch verschlossene Jugendliche, welche eher nur zuhören, tragen sehr viel aus diesen Gruppen davon und trauen sich mit der Zeit sich zu öffnen, und eigene Schwächen anzusprechen.
Einzelarbeit
Die Einzelpsychotherapie hat eine besondere Rolle. Hier kann der Jugendliche viele Seiten seiner Persönlichkeit ausprobieren und zum Ausdruck bringen, die er sich im grösseren Rahmen auszudrücken nicht, oder noch nicht traut. Häufig ist die Einzelarbeit ein Stützungsinstrument. Hier kann man durch Intimität der Beziehung ein Bündnis schliessen, sich intensiv mit dem Jugendlichen und seiner Geschichte beschäftigen und Verständnis entwickeln. Diese Einheit von wachsender Nähe und immer stattfindender Grenzziehung braucht Aufmerksamkeit und Zeit zum Entstehen.
In der Gemeinschaft dient die Einzeltherapie den Gesamtzielen, bestimmte Informationen verbleiben in der Zweiersituation, bestimmte Informationen müssen im Interesse des gesamten therapeutischen Millieus an die übrigen Mitarbeiter weitergegeben werden. Welche Informationen in die Gesamtgruppe oder an die Mitarbeiter gegeben werden, muss in der beginnenden Beziehung ausgehandelt werden.
Alle Jugendliche können also auch eine individuelle psychologische Betreuung erhalten um dort die familiäre Geschichte oder aktuelle innere Konflikte anzusprechen oder aufzuarbeiten. Hierzu gehört auch die Evaluation der kognitiven Fähigkeiten, um die spezifischen Defizite der Jugendlichen erkennbar zu machen. Durch die Kommunikation im Team mit seinen differenzierten Sichtweise der verschiedenen mitwirkenden Berufssparten, können gemeinsam Mittel und Wege der Hilfe erarbeitet und entwickelt werden, die es einzelnen Jugendlichen erlauben, ihre Defizite oder Probleme zu bearbeiten.
Yves Weisen
Direktionsbeauftragter
Liewenshaff